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Männer im Betrieb bewegen

Wie gendersensibel sind betriebliche Bewegungsprogramme ?

Abstract zum 12.Präventionstagung des Fond Gesundes Österreich, 22./23.April 2010

Dr. Paul Scheibenpflug

 

Überblick

 „Männer stellen Arbeit über Gesundheit.“ Will man Bewegung thematisieren, muß man Männer daher zu erst einmal dort abholen, woher sie ihre Identität beziehen: bei der beruflichen Tätigkeit. Spürbare Arbeitserleichterungen erhöhen die Bereitschaft für weitere Bewegungsthemen.

Selbst wenn sie bestimmte  Zielgruppen ins Auge fassen stellen betriebliche Bewegungsprogramme meistens nur diese inhaltliche, nicht aber die methodische Ausrichtung ins Zentrum ihrer Überlegungen.  So sind selbst offizielle BGF-Bewegungstools stark expertenlastig und haben BGF Weiterentwicklungen nicht mitvollzogen.

(Nicht nur) Männer wollen mitbestimmen, welche Bewegungsthemen für sie aktuell sind. In ihrem Arbeitsbereich sind sie die Experten und lassen sich erst bei entsprechend hohem Leidensdruck sagen, was sie falsch machen.  Primärpräventiv betrachtet also eindeutig zu spät.

Vor diesem Hintergrund ist für mehr Gendersensibilität bei der Konzeption von Bewegungsprogrammen zu plädieren. Dies soll im Folgenden am Beispiel betriebsinterner „Multiplikatoren“ erläutert werden.

Abstract

„Männer stellen Arbeit über Gesundheit.“ … „Das Bestehen … und die Anerkennung durch die anderen Männer werden zu einer der wesentlichen Quellen für das männliche Selbstwertgefühl. Männer stehen dadurch in einer permanenten Konkurrenzsituation zu ihren Geschlechtsgenossen.“ (Lechner 2004, S.54)[1]  Männer müssen daher zu erst einmal dort abgeholt werden, woher sie ihre Identität beziehen: bei der beruflichen Tätigkeit. Am besten gelingt die für die Thematisierung notwendige Aktualität und Aufmerksamkeit über das direkte Eingehen auf typische Arbeitsbewegungen und –belastungen und darauf aufbauend dem Austausch möglicher Arbeitserleichterungen.  Darauf kann in einer späteren Phase mit weiterer gesundheitsförderlicher Verhaltensförderung (Freizeit- und  Ausgleichsübungen) fortgesetzt werden.

Im Klartext: Es gibt viele gute Argumente für Ausgleichsübungen, respektive bei repetitiven Arbeiten bzw. solche unter Zwangshaltung. Wer aber mit „gestandenen Männern“ ohne Zwischenetappen gleich Mobilisierungsübungen, wie z.B. Becken kreisen[2] machen möchte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Schiffbruch erleiden.

Gesundheit ist in der Regel kein prestigeträchtiges Thema. Mit der Thematisierung von Gesundheit riskieren Männer auch Prestigeverlust. Werden Bewegungsangebote als für den Arbeitsprozeß unproduktiv „entlarvt“ besteht gerade bei Männern die Gefahr, daß sie diese daraufhin in ihrer Prioritätenskala hoffnungslos nach hinten verschieben.[3]

Vor diesem Dilemma hat es sich am besten bewährt, keine Tipps weiter zu geben (denn welcher Mann läßt sich schon sagen, wie er was richtig machen soll, noch dazu wenn er es schon jahrelang anders macht ?), sondern Fragen[4] so zu stellen, dass Männer auf gute Lösungen kommen !

Einfache Multiplikatorenkonzepte greifen da zu kurz. Zielführender ist der Einsatz von Coachingmethoden zur Animierung[5] von Männern. Dies erfolgt in folgenden Schritten:

Schritt 1: [6]

Mitarbeiter werden sensibilisiert und qualifiziert solche Fragen zu stellen:

Diese angehenden Bewegungscoaches bringen im Idealfall eine gute Basis an kommunikativer Kompetenz mit sowie jenes Insiderknowhow, das sie glaubwürdiger als jeden Bewegungsexperten macht.[7] Darüber hinaus wissen sie am besten, wann die Zeit reif für welches Thema[8] ist und sind zu diesem Zeitpunkt auch zur Stelle[9] und können das Thema in mehrfacher Hinsicht ansprechend für ihre männlichen Kollegen aufbereiten.

Im Rahmen der Ausbildung kommt es zum Austausch von Wissen, Erfahrungen und Lösungen, die die Teilnehmer ermutigen, Gesundheitsthemen im Betrieb anzusprechen. Die Teilnehmer lernen bewegungsergonomische Zusammenhänge und Tipps kennen, sammeln relevante Themen[10], tragen sie nach bestimmten Coachingprinzipien in praktischen Übungen, möglichst vor Ort vor.[11] Dabei kommt es (wünschenswerterweise) auch immer vor, daß auch über Bewegung im engeren hinausgehende Themen aufgezählt werden.[12] Denn wenn wir über Bewegung im Betrieb sprechen, dann vorwiegend im funktionellen Kontext, wie Kondition /Ermüdung/Regeneration; Bewegungsqualität und Arbeitserleichterung oder Unfallfaktor Bewegung.

Schritt 2:

Das Thema „Bewegung“ wird nachhaltig in den Teams angesprochen, Lösungen werden ausgetauscht und der Boden für weiteres Gesundheitsengagement bereitet. [13] Als Aufbau hat sich folgendes einfaches Schema bewährt: Einen kurzen Einstieg mit anschließender Hinführung zum Thema mit Bezug zum eigenen Tun in Frageform.

Bei manchen Themen hat es sich bewährt Kollegen vorzeigen zu lassen[14]. Fallweise die Abhaltung eines „Wettkampfes“, um Männer für ein Thema zu öffnen: Bei der MA 48 wurde ein 1100er Gefäß einmal von zwei und dann von einem Mitarbeiter im Parcours geführt….

Ein Kollege machte anlässlich der letzten Olympiade Bewegungsübungen mit der Frage salonfähig, wie lange die Kollegen glauben, dass Abfahrtsläufer vor der kaum zweiminütigen Fahrt aufwärmen würden. Danach, warum sie dies täten.  Anschließend stellte er die Frage, bei welchen Arbeiten es auch in unserem Bereich Sinn machen würde, gut vorbereitet zu sein….

Manche Argumente lassen sich mit Gruppenübungen wunderbar verdeutlichen:  Nachdem mehrere Verschieber das Heben einer Kuppel vorgezeigt hatten, einer davon auch mit Einsatz der Beine, wurde das Team eingeladen, die Faustturmübung einmal mit gebeugten, dann mit gestreckten Beinen durchzuführen….

Der Vorteil der Fragemethodik ist, daß auch der Fragende etwas dazulernen kann:  Zum Thema „Gut erholt aus der Pause“ wurde bei Forstarbeitern auf die Bedeutung einer rückenschonenden Sitzhaltung abgestellt. Auf die Frage, wie dies am besten zu bewerkstelligen sei, kam die Gruppe auf die Lösung, das Dienstauto hangaufwärts zu stellen…

Wichtig bei jeder Thematisierung ist weiters das Finden eines konstruktiven (Ent)schlusses, z.B.

  • Herausarbeiten, in welchen Straßenzügen (Einbahn bergauf,…) zu zweit der 1100er geführt werden sollte;

  • zwei konkrete Übungen, die wir zu Beginn die nächsten zwei Wochen einmal probieren wollen, mit der Option, wenn sie passen, damit weiter zu machen;

  • im nächsten Monat ein neuer Schwerpunkt, bis dorthin sammeln, wo das Heben aus den Beinen noch erleichternd wirkt

  • Das Auto wird bergauf abgestellt ! Beim Hinsetzen wird die Sitzlehne hinunter gerutscht.

Wie alle anderen Bewegungsprogramme hängt der Erfolg des Bewegungscoachingkonzepts auch von einer maßgeschneiderten Einbindung in ein BGF-Gesamtpaket ab. Viele Lösungen sind technisch-organisatorischer Natur[15] und bedürfen weiterer Unterstützung um umgesetzt werden zu können. Insofern macht es auch Sinn die Ausbildung von Bewegungscoaches mit der Durchführung von Gesundheitszirkeln oder Gestaltungsworkshops abzustimmen.

Bewährt haben sich in vielen Fällen unterstützende Impulsvorträge durch Experten, auf denen die Bewegungscoacher dann leichter aufbauen können, respektive, wenn sich eine sinnvolle Schwerpunktsetzung auf Belastungswechsel und Regeneration herauskristallisiert hat.[16] Eine profunde Planung von Bewegungsprogrammen unter Berücksichtigung von Genderaspekten  z.B. im Rahmen von BGF-Steuerungsgruppen unter Einbezug erfahrener Experten ermöglicht differenziertere und effektivere Konzeptionen.[17]

 

 


Anmerkungen

[1] Lehner, Erich: „Männer stellen Arbeit über die Gesundheit“.  Männliche Lebensinszenierungen und Wunschrollenbilder. In: Altgeld, Thomas(Hrsg.): Männergesundheit. Neue Herausforderungen für Gesundheitsförderung und Prävention. München 2004, S. 49 - 63

[2] Im Betrieb Tätige erleben sich in einer anderen Rolle wie Menschen, die einen Sportverein, ein Fitstudio aufsuchen oder ein therapeutisches Angebot wahrnehmen. Im Sport ganz gewöhnliche unhinterfragte Übungen wie z.B. Becken kreisen werden in dieser Rolle ganz anders wahrgenommen.

[3] Das äußert sich im Gegenargument Nummer 1: „Dafür habe ich/haben wir keine Zeit !“

[4] Wer fragt steht nicht in der Schußlinie und kann die Diskussion weit besser lenken !

[5] Im ursprünglichen Sinne: „beseelen“

[6] Ein erfolgreiches Projekt beginnt bereits mit einem guten Projektnamen. In den folgenden beiden Titeln ist lediglich ein Wort abgeändert: welcher Titel etwa wird eher Männer ansprechen: "Weg aus dem Stress" - "Weg mit dem Stress !"

[7] Bewährt hat sich in vielen Fällen der Einbezug von Sicherheitsvertrauenspersonen an, die ja laut § 11 des ASchG auch in Gesundheitsfragen mit ArbeitsmedizinerInnen kooperieren sollten. In vielen Betrieben wären direkte Vorgesetzte dafür geeignet. Hier eröffnet sich die Chance eines Mehrwerts hinsichtlich ihres allgemeinen Führungsverhaltens.

[8] Beispiel: Ein Müllaufleger soll nächsten Montag aus dem Krankenstand (Seitenbandverletzung) zurückkommen: Der Oberaufseher nutzt die Gelegenheit zur Frage, bei welchen Arbeitsvorgängen die Knie des  Zurückkehrenden  besonders belastet werden könnten und welche Tricks es gibt, um diese Belastungen zu vermeiden.

[9] In vielen Branchen ist es wegen diverser Imponderabilien wegen  nicht möglich, optimale Interventionszeitpunkte langfristig zu planen.

[10] Die beigefügte Tabelle zeigt sechs Themenfelder aus denen die Teilnehmer ihre Themen suchen.

[11] Beispielsweise bei den Bundesforsten im Rahmen von ÖBfit das Schlägern, Dickungspflege, Aufstellen von Prügelfallen oder bei den Verschiebern der ÖBB das Einsteigen und Kuppeln oder das Auf- und Absteigen,…

[12] Z.B. „Arbeiten bei Hitze“, „Kommunikation im Team“

[13] Die Herausforderung besteht nicht, zu argumentieren, dass z.B. Nordic Walking, Krafttraining, Beweglichkeitsübungen und Koordinationstraining auch für Männer sinnvoll wäre, sondern sie so weit vorzubereiten, daß sie dann diese Information auch aufnehmen werden !

[14] Zitat aus einer Schulung: „Karl, Du hast ja schon einmal einen Bandscheibenvorfall gehabt. Zeig einmal her, wie Du den Behälter nimmst.“

[15] Die Einsicht, dass am Fließband keine Ausgleichsübungen möglich sind, wenn keine Zeiträume vorgesehen werden, ist trivial. Die Umsetzung bedarf einer funktionierenden Kommunikation zwischen den verschiedenen BGF-Akteuren.  

[16] Eine Vorgangsweise, die auch die Erfolgsquote älterer Bewegungstools wie MbM heben kann.

[17] Man denke nur an die vielen gut gemeinten aber letztlich erfolglosen Versuche, Männer zu Nordic Walking zu gewinnen:  in mehreren Zwischenschritte ließe sich die Erfolgschance beträchtlich steigern, z.B. über einen männerorientierten Impulsvortrag, einen modifizierten Karvonentest und eine spielerische Einführung.

 

 

 

 

 

 

 

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